Schon als sechsjähriger Junge habe ich in einer selbst gebauten Erdhöhle allein im Wald übernachtet und in meiner Schulzeit regelmäßig an den Wochenenden ein Waldläuferdasein geführt. Auch bei klirrender Kälte im Winter im Iglu. Aufgewachsen bin ich in einem kleinen Dorf in Niedersachsen, als noch alle Bauern mit Pferden arbeiteten. Auf den großväterlichen Höfen lernte ich von Kind auf alle bäuerlichen Arbeiten und von den Handwerkern unseres - damals noch weitgehend autarken - Dorfes die Grundfertigkeiten der einzelnen Gewerke, vom Mauern bis zum Korbflechten. Im elterlichen Mühlenbetrieb erlernte ich das Müllerhandwerk und den Mühlenbau. Später entwickelte ich zusammen mit einem Partner eine Haushaltsgetreidemühle, die allen anderen auf dem Markt befindlichen überlegen ist. Diese Mühle wird immer noch hergestellt.
Ich bin aufgewachsen in der Nachkriegszeit und habe die Ruinen in Bremen und Hamburg noch genau vor Augen und den Wiederaufbau mit einfachsten Mitteln und Selbsthilfe. Kein Mensch konnte damals ohne Garten und Selbstversorgung leben. Als Schulkinder haben wir im Garten des Lehrers gearbeitet. Zentralheizung hatte keiner. Die Dorfleute haben Torf gegraben und Holz im Wald gemacht. Alle haben hart gearbeitet und wir Kinder hatten nicht viel Zeit zum Spielen, weil wir überall helfen mussten. Durch Beeren- und Pilze sammeln, Tauben- und Kaninchenzucht, aber auch durch Angeln und Kühe hüten haben wir zur Ernährung unserer Familien beigetragen. Das taten alle Dorfkinder.
Bei mir kam noch ein starker Hang zum Waldläuferleben dazu. Mir wurde dadurch schon als Kind klar, wie schwierig, ja praktisch unmöglich es ist, sich – zumindest in Deutschland – allein aus der Natur zu ernähren und wie wichtig Vorräte sind und Landbau. Ich leitete viele Jahre eine Waldjugendgruppe und lernte die komplette Pfadfindertechnik und alles was mit Wald und Jagd zu tun hat. Mein Vater war passionierter Jäger und ich sein Gehilfe. So kam ich zum Naturschutz, zur Biologie und zur Tierfotografie.
Mit 16 Jahren begann ich zu reisen. 800 Kilometer mit dem Fahrrad durch Schweden und lange Faltbootfahrten. Damals unternahm ich auch weite Ritte mit meinem Pferd.
Während meiner Gymnasialzeit und meines Studiums reiste ich in Europäische Urwaldgebiete und ging auf verschiedene Arktisexpeditionen. So war ich einen ganzen Sommer allein auf Spitzbergen unterwegs.
Ich absolvierte dann ein Diplomstudium in Biologie mit den Hauptfächern Zoologie, Botanik, Physik und Ökologie bei dem Ökologen Prof. Dr. Tischler an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel. Meine Diplomarbeit widmete sich den Auswirkungen eines der größten in Deutschland je vorgekommenen Waldbrandes auf Tiere und Pflanzen. Dadurch kam ich auch mit dem amerikanischen „Feuerpapst“ Ed Komarek in Kontakt und lernte von ihm das „controlled burning“, den kontrollierten Einsatz von Feuer zur Waldbrandbekämpfung, zur Bodenvorbereitung und Düngung in der Landwirtschaft und in der Landschaftspflege. Die Kenntnis der richtigen Anwendung von Feuer ist eine Überlebensfrage, wenn man ohne Technik in autarker Landwirtschaft überleben will.
Das Vermächtnis des weltweit bedeutenden Ökologen Prof. Dr. Tischler war: Die ökologische Katastrophe liegt nicht vor, sondern hinter uns und daran ist auch nichts mehr zu ändern. Auslöser ist der Verlust des Sozialverhaltens durch Übervölkerung (in Tierversuchen bis in die Einzelheiten erforscht). Die Menschheit, wie wir sie kennen, ist verloren. Höchstens kleine Randgruppen in abgelegenen Gebieten werden überleben. Weil Tischler als Wissenschaftler alter Schule ein äußerst bescheidener Mensch war, der nie in die Medien ging, erfuhr die Öffentlichkeit nichts davon. Nur seine Lehrbücher sind unter den Ökologen der ganzen Welt verbreitet. Meine Aufgabe als sein letzter Schüler bestand nun darin, mein Leben der Frage zu widmen, ob es überhaupt eine zukunftsfähige Lebensform gibt und wenn ja, wie sie aussehen könnte.
Es war zunächst wichtig, sich total aus unserer zu Grunde gehenden Kultur in ein menschenfernes Randgebiet zurück zu ziehen und dort neu anzufangen, ohne Beeinflussung von außen. So begann ich das Pyntarna-Projekt. Das war eine Hofruine in Nord-Värmland in Schweden, sieben Kilometer vom nächsten Nachbarn, 65 Kilometer von der nächsten Kleinstadt entfernt. Seit dreißig Jahren leer stehend. Wir begannen ohne Strom und Maschinen mit reiner Handarbeit, schafften dann das erste Pferd an und machten innerhalb von zwanzig Jahren noch mal die ganze Entwicklung der Landwirtschaft und der Technik der letzten hundert Jahre durch. Außerdem entwickelten wir besondere Gartenbaumethoden für das dortige kalte Klima. Wir produzierten in ungeheizten Gewächshäusern Pfirsiche und Aprikosen in einer Gegend in der kaum noch Äpfel reif wurden. Pyntarna erlebte eine neue Blütezeit. Wir vollzogen aber natürlich nicht den letzten verhängnisvollen Schritt in die Großtechnik und Abhängigkeit, sondern blieben konsequent bei Autarkie, Selbstversorgung und mittlerer Technik, die wir selbst reparieren konnten. Auch Strom produzierten wir selbst und wir arbeiteten niemals mit Krediten. (Ein Teil meiner Familie erlag zuletzt der Versuchung, sich durch Anschluss an das allgemeine Strom- und Telefonnetz das Leben bequemer zu machen und vollzog dadurch unfreiwillig auch noch den letzten Schritt nach, der in die allgemeine aktuelle Misere führte.)
Mir war schnell klar geworden, dass das Lebensalter eines Menschen bei weitem nicht ausreicht, um eine so komplexe Aufgabe, wie die Entwicklung einer neuen Lebensform lösen zu können. Deswegen gab es für mich nur eine Chance: in der Vergangenheit zu suchen, ob es dort eine Lebensform gegeben hatte, die über sehr lange Zeiträume gut funktionierte und die sich vor allem auch in Krisen bewährt hat. Auch musste sie aus unserem Kulturkreis stammen, denn wir können nicht das Leben von australischen Ureinwohnern führen. Die rein bäuerliche Kultur schied auch aus, weil ein Einzelbauernhof auf Dauer nur in einem bäuerlichen Umfeld überleben kann.
Ich beschäftigte mich intensiv mit Geschichte und stieß auf die alte Reichsverfassung, die 1816 aus machtpolitischen Gründen außer Kraft gesetzt wurde. Grundlage und kleinste politische Einheit war damals das Rittergut. Das war eine Verwaltungseinheit, ein Gutshof, der von mehreren Familien bewirtschaftet wurde, die jeweils für Teilbereiche selbst verantwortlich waren, aber unter fürsorglicher hierarchischer Ordnung lebten. Diese Lebensform hat sich über Jahrtausende bewährt. Sie war schon den alten Griechen bekannt, so hat z. B. Aristoteles Verhaltensgrundsätze für Gutsbesitzer veröffentlicht. Diese Gutskultur erforschte ich bis in die Einzelheiten und begann mit der Suche nach einem geeigneten Hof. Innerhalb von zwanzig Jahren erkundete ich mehr als tausend Gutshöfe zwischen der Weser und dem finnischen Meerbusen. So bekam ich auch Kontakt mit zwei estnischen Professoren, die sich mit der Erforschung dieser Kultur beschäftigen und beteiligte mich dort an dem Gutshof Paulsruhe - Pivarootsi. Natürlich besuchte ich auch viele schwedische Gutshöfe und versuchte Guja zu erwerben, „das Juwel Ostpreußens“. Nach der Wende fuhr ich 10 000 Kilometer durch den Nordteil der ehemaligen DDR, um hunderte von Gutshöfen zu erkunden. Durch all diese Unternehmungen, Reisen und Kontakte bekam ich detaillierte Einblicke in die Probleme und Erfahrungen der Gutsbesitzer dieser Länder.
Weil mein Dasein in den schwedischen Wäldern ständig bedroht war durch die Machenschaften des Stora-Enso Konzerns, denen ein deutscher Biologe inmitten ihres Waldgebietes ein Dorn im Auge war und mir lange vor Tschernobyl klar war, dass von Atomkraftwerken eine große Gefahr ausgeht, begann ich schon Ende der achtziger Jahre systematisch die ganze Erde auf Rückzugsorte zu untersuchen. Ich sammelte Informationen über Siedlungsmöglichkeiten in vielen Ländern und befragte zahlreiche Auswanderer nach ihren Erfahrungen in den jeweiligen Ländern. Ich fand heraus, dass es wegen der Mechanik der weltweiten Windsysteme ein vom Rest der Welt praktisch total isoliertes Gebiet im Süden Chiles gibt. Dieses Gebiet untersuchte ich auf zwei Reisen, ließ Bodenproben von dort auf Radioaktivität untersuchen (märchenhaft niedrige Werte) und pflegte Kontakte mit dortigen, deutschstämmigen Landwirten, um langfristig ein Siedlungsprojekt im Sinne einer „Fluchtburg“ durchzuführen. Seit zwei Jahren lebt nun einer unserer Leute, Arzt und Bauer in einer Person, mit seiner Familie dort.
Im Jahre 2003 fand ich in Thüringen, am Südhang der Rhön, in einem abgelegenen Hochtal den lange gesuchten Gutshof. Zustand katastrophal, aber in märchenhafter Lage. Seit acht Jahren menschenleer mit schlimmsten Vandalismusschäden aber durch seine Geschichte geradezu die „Mutter der Gutshöfe“. Hier war die erste Landfrauenschule der Welt. Hier wurden vor 90 Jahren höhere Töchter zu Gutsfrauen ausgebildet, die gleichberechtigte Partnerinnen ihrer Männer wurden. Amalienruh war einmal das Mustergut in Deutschland. Ein kleines Dorf in völliger Alleinlage ohne jede öffentliche Verkehrsanbindung.
Zusammen mit meinem damals 79 jährigen Partner konnte ich den Hof von der Treuhand kaufen und nach achtjähriger Aufbauzeit ist Amalienruh nun wieder auferstanden und kann einer neuen Blütezeit entgegen sehen.
Auf Amalienruh wird mustergültiger Denkmalsschutz betrieben, wir sind ein zertifizierter Biobetrieb und wir haben einen hohen Grad von Autarkie erreicht. Notfalls können wir den Hof auch ohne moderne Maschinen, mit unseren Pferden bewirtschaften.
Amalienruh hat die Rechtsform einer gemeinnützigen Stiftung.
Autor: Carl-Heinz Buck